Einführung in Effektive Entnahmestrategien
Für private Anleger ist das Investitionsziel „Ruhestand“ über viele, meist dutzende Jahre hinweg eine Einbahnstraße. Ein Grund, weshalb diesem Ziel oftmals keine bis wenig Aufmerksamkeit zukommt, liegt in der Psychologie begründet: Ruhestandsplanung bedeutet viele Jahre zu geben, ohne etwas zu bekommen. Ein Verzichtsakt. Die Gegenleistung für diesen lebenslangen Verzicht, liegt derart in der Zukunft, dass sie insbesondere für junge Menschen wenig greifbar ist.
Bei erfolgreicher Umsetzung einer Vorsorge jedoch, beginnt ab dem 65 oder 67 Lebensjahr der spannendere Teil: Die Planung eines Zahlungsstroms auf das Konto, nicht von dem Konto.
Bei der Planung der finanziellen Zukunft ist die Entwicklung einer soliden Entnahmestrategie für direkte Wertpapierinvestitionen von entscheidender Bedeutung. Solch eine Strategie ist darauf ausgerichtet, das Risiko der Kapitalerschöpfung zu minimieren, während gleichzeitig ein stetiger Einkommensstrom im Ruhestand oder während einer Auszahlungsphase sichergestellt wird.
Grundarten der Entnahmestrategien
Arten von Entnahmen: (Beispiel: 500.00€ Anlagevermögen)
- Prozentuale Kapitalentnahme:
Die Entnahmerate ist ein gleichbleibender Prozentsatz des investierten Kapitals, der jährlich entnommen wird. Hierdurch wird der Kapitalstock nie gänzlich aufgebraucht, da die absoluten Entnahmen immer kleiner würden. Die Entnahme könnte jedoch erheblich schwanken, wenn das Portfolio bspw. in einem Jahr größere Kursverluste erleidet.
Eine allgemeine Faustregel ist die 4%-Regel, die jedoch individuell angepasst werden sollte, um den persönlichen Bedürfnissen und Marktbedingungen gerecht zu werden. Eine Anfängliche Entnahme entspreche also 20.000€, im zweiten Jahr 19.200€ usw.. - Inflationsorientierte Kapitalentnahme:
In dieser Entnahmestrategie bestimmt der Investor einen festen Euro-Betrag, der jedes Jahr aus dem Vermögensportfolio entnommen wird, um den Lebensstandard zu erhalten. Dieser festgelegte Betrag wird jährlich um die Inflationsrate angepasst. So würde beispielsweise bei einer anfänglichen jährlichen Entnahme von 20.000 Euro und einer Inflationsrate von zwei Prozent im darauffolgenden Jahr ein Betrag von 20.400 Euro entnommen. Diese Methode ermöglicht dem Anleger ein konstantes Budget, birgt jedoch das Risiko, dass das Portfolio bei Marktverlusten frühzeitig erschöpft sein könnte. - Dynamische Kapitalentnahme:
Eine Kombination aus festen Entnahmen und marktabhängiger Anpassung kann ebenfalls in Betracht gezogen werden. Hierbei passen Anleger ihre Entnahmebeträge in mäßigem Umfang an die aktuellen Marktkonditionen an. Ähnlich wie bei der prozentualen Entnahmestrategie wird mittels Prozentsatz ein Basisertrag p.a. festgelegt (beispielsweise 4% = 20.000€), zuzüglich einer Obergrenze und einer Untergrenze (zum Beispiel +5 Prozent und -2,5 Prozent).
Bei einer überdurchschnittlichen Wertsteigerung des Portfolios aufgrund günstiger Kapitalmarktbedingungen kann der Entnahmebetrag steigen, allerdings auf höchstens 105 Prozent des Basiswerts. Dies ermöglicht dem Anleger, einen Teil der Portfoliogewinne zu realisieren, während gleichzeitig ein Sicherheitspuffer für potenzielle zukünftige Marktabschwünge beibehalten wird. Sollte der Auszahlungsbetrag bei einem Werteinbruch unter die festgelegte Untergrenze fallen, also eine Reduzierung von mehr als 2,5 Prozent erfahren, wird er entsprechend auf diese Grenze angepasst, um eine regelmäßige und stabile Auszahlung zu gewährleisten. - Mischung aus Dynamisch und Inflationsorientiert
Hierbei wird eine anfängliche Entnahme entsprechend eines Prozentsatzes definiert und für jedes Jahr um die Inflationsrate erhöht. Dies bildet den jährlichen Basiswert, welcher mittels der Ober- und Untergrenzen entsprechend des dynamischen Kapitalentnahmeverfahrens an die Marktphasen angepasst wird.
Tipps für die Planung von Entnahmestrategien
- Rebalancing des Portfolios:
Das Rebalancing beschriebt die Wiederherstellung der Ausgangsgewichtung. Eine kluge Investitionsstrategie zeichnet sich durch das einmalige Durchdenken und anschließende Durchhalten dieser Strategie aus. Hierbei hilft regelmäßiges Rebalancing das Portfolio im Einklang mit den ursprünglichen Anlagezielen zu halten und Risiken zu minimieren. - Sequenzrisiko-Management:
Das Sequenzrisiko bezieht sich auf das Risiko, dass ungünstige Marktbedingungen zu Beginn der Entnahmephase das Gesamtportfolio negativ beeinflussen. Hierbei zeigten Untersuchungen, dass eine negative Marktphase zu Beginn der Entnahmestrategie großen Einfluss auf den Erhalt des Kapitalstocks hat. Maßgeblich hierfür ist das sog. Renditereihenfolgerisiko, welches die Unvorhersehbarkeit des Einflusses einer Renditereihenfolge auf einen Endbetrag beschreibt. Strategien zur Minderung dieses Risikos umfassen bspw. die Schaffung eines Cash-Puffers zu Beginn des Entnahmeplans oder die Verwendung dynamischer Entnahmeregelungen. - Steuerliche Optimierung:
Die Berücksichtigung der Steuerlast bei der Entnahme kann die Nettoerträge erheblich beeinflussen. Effiziente Steuerplanung umfasst das Timing von Entnahmen und die Nutzung steuereffizienter Konten. - Nutzung von Rentenversicherungen:
Rentenversicherungen können als Teil einer Entnahmestrategie genutzt werden, um ein garantiertes Einkommen zu erzielen und das Langlebigkeitsrisiko zu minimieren. Den mit einer Rentenversicherung einhergehenden Mehrkosten stehen die Vorteile garantierter und lebenslanger Zahlungsströme gegenüber. In der Regel wird die Notwendigkeit der Deckung sämtlicher Fixkosten im Ruhestand unterschätzt.
Die folgende Grafik zeigt zum einen, welchen Einfluss das Renditereihenfolgerisiko in einer ungünstigen Marktphase haben kann. Zum anderen, welchen erheblichen Unterschied eine fixe im Vergleich zu einer dynamischen Entnahme haben kann.
Ein Beweis dafür, dass gutes Vermögensmanagement mehr als nur die Rendite in der Ansparphase ist.
Diversifikation des Portfolios
Eine diversifizierte Anlagestrategie ist essenziell, um das Risiko zu streuen und die Renditen zu maximieren. Dies beinhaltet eine Mischung aus Aktien, Anleihen und anderen Anlageklassen. Die Senkung des Gesamtrisikos, gemessen an Volatilität und max. Drawdown sollte mit zunehmenden Alter im Fokus stehen. John Bogle, Gründer von Vanguard, dem zweitgrößten Vermögensverwalter der Welt, sprach sich in allen Auflagen seiner Bücher für ein einfache Faustformel aus: Die Anleihequote im Depot sollte dem Alter entsprechen. Heißt nichts anderes als die Aktienquote und somit das Schwankungsrisiko im zunehmenden Rentenalter gegen Null laufen zu lassen.
Abschließende Empfehlungen
Für eine effektive Entnahmestrategie ist eine sorgfältige Planung und regelmäßige Überprüfung erforderlich. Insbesondere die konzeptionelle Ruhestandsplanung, welche alle Bereiche der Vermögensstrukturierung und -nutzung aufgreift und in einen Fahrplan überführt, ist infolge der Planungssicherheit und Transparenz von großem Mehrwert.
Es ist ratsam, einen Finanzberater zu konsultieren, um eine maßgeschneiderte Strategie zu entwickeln, die den individuellen Bedürfnissen und Zielen entspricht.
Die Vielfältigkeit dieser Planung in Hinsicht auf notwendige Zuflüsse, Steuern, Erbschaften, Immobilien, evtl. Pflege, oder Vermögenserhalt wird bis heute unterschätzt.


