Kennen Sie Ihre Risikotragfähigkeit

KI-generiert mit Dall-E
In der Welt der Finanzanlagen ist das Thema Risiko allgegenwärtig. Doch wie gut kennen Anleger wirklich ihre eigene Risikobereitschaft? Viele Investoren neigen dazu, ihre Fähigkeit, Risiken zu tragen, zu überschätzen – ein Phänomen, das sowohl für erfahrene als auch für neue Marktteilnehmer gilt. In diesem Artikel beleuchten wir, warum es so wichtig ist, die eigene Risikotragfähigkeit realistisch einzuschätzen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Die Einschätzung der eigenen Risikoneigung ist ein komplexer Prozess, der durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird – von der persönlichen Finanzsituation über die Erfahrung im Umgang mit Kapitalanlagen bis hin zu psychologischen Aspekten. Dieses Verständnis ist entscheidend, um Anlagestrategien zu entwickeln, die nicht nur profitabel, sondern auch nachhaltig und den individuellen Bedürfnissen entsprechend sind.

Persönliche Finanzsituation

Die persönliche Finanzsituation ist das Fundament, auf dem Anleger ihre Risikotragfähigkeit aufbauen. Ein solides Verständnis der eigenen finanziellen Verhältnisse – Einkommen, Vermögen, Schulden und Ausgaben – ist unerlässlich, um zu bestimmen, wie viel Risiko man sich tatsächlich leisten kann. Eine ganzheitliche Betrachtung des Finanzhaushalts, bestehender Vorsorgen und Anwartschaften, Verpflichtungen, einem Kassensturz und die Sichtung von Vermögenswerten ist hierfür von großem Vorteil.
Ein Investor mit einem stabilen Einkommen und geringen Schulden kann möglicherweise höhere Risiken eingehen als jemand, der ein unregelmäßiges Einkommen oder finanzielle Verpflichtungen wie Hypothekenzahlungen zu tragen hat.
Es ist besonders wichtig, einen „Notgroschen“ für unvorhergesehene Ausgaben zu haben, bevor man größere Risiken eingeht. Eine solide finanzielle Grundlage ermöglicht es dem Anleger, potenzielle Verluste zu absorbieren, ohne die Lebensqualität zu beeinträchtigen. Der Notgroschen, die sog. Liquiditätsreserve sollte i.d.R. 2-3 Haushaltsnettoeinkommen nicht unterschreiten. Einem Single ohne Auto in einer Mietwohnung genügt sicherlich ein geringerer Puffer als einer vierköpfigen Familie mit Haus und  Autos.

Psychologie der Geldanleger

Psychologische Faktoren haben einen enormen Einfluss auf Anlageentscheidungen. Emotionen wie Gier und Angst können zu impulsiven Entscheidungen führen, die nicht immer im besten Interesse des Anlegers sind. Die Gier treibt Anleger dazu, höhere Risiken einzugehen in der Hoffnung auf überdurchschnittliche Renditen, während Angst sie dazu veranlassen kann, bei den ersten Anzeichen von Marktschwankungen zu verkaufen. Verhaltensökonomische Studien zeigen, dass Menschen Verluste stärker empfinden als Gewinne gleicher Größe, ein Phänomen bekannt als Verlustaversion. Dies kann dazu führen, dass Anleger zu konservativ agieren und Chancen für höhere Renditen verpassen. Ein Bewusstsein für diese psychologischen Fallen und die Entwicklung einer disziplinierten Anlagestrategie sind entscheidend, um diese Herausforderungen zu meistern.

Grafik Verlustaversion
Verlustaversion: Die Bedeutung von Verlusten im Vergleich zu Gewinnen

Erfahrung mit Kapitalanlagen

Erfahrung spielt eine zentrale Rolle bei der Einschätzung und Handhabung von Risiken. Anfänger neigen oft dazu, Risiken zu unterschätzen oder nicht vollständig zu verstehen, was zu übermäßig riskanten Entscheidungen führen kann. Im Gegensatz dazu haben erfahrene Anleger meist mehrere Marktschwankungen erlebt und gelernt, ihre Emotionen besser zu kontrollieren und fundierte Entscheidungen zu treffen. Diese Erfahrung hilft nicht nur, bessere Anlagestrategien zu entwickeln, sondern auch, die eigenen Investments besser an den künftigen Anlagezielen ausrichten zu können. Hierfür tragen insbesondere die vergangenen 15 Jahre mit satten Marktrenditen die Verantwortung. Im Vergleich zu den USA hat die Geldanlage in Kapitalmarktprodukten in Deutschland eine deutlich jüngere Geschichte. Erst seit der Finanzkrise 2007/2008 und den kontinuierlich steigenden Märkten werden etliche deutsche Anleger in den Markt gelockt, ohne auch nur einmal eine Wirtschaftskrise erlebt zu haben. Dies erzeugt ein trügerisches Bild und kann vorwiegend für unerfahrene Anleger für ein böses Erwachen sorgen. Die untern stehende Grafik zeigt den Weltaktienindex von MSCI. Hier sind die Zeiträume zu entnehmen, die es gebraucht hat, um einen rezessionsbedingten Rücksetzer wieder aufzuholen. So dauerte die Erholung des Markteinbruchs im Zuge der „Dotcom-Blase“ im Jahr 2000 etwa 5 Jahre und die der Finanzkrise im Jahr 2007 etwa 7 Jahre.

Bild des MSCI_World_Historie_1969_-_2020
Die Historie zeigt klar die zwischenzeitlich hohen Verluste

Einflussfaktoren auf Ihre persönliche Risikotragfähigkeit

  • Vermögenssituation: Wie Eingangs erwähnt ist der Kassensturz und Aufstellung einer allumfänglichen Vermögensbilanz der erste Schritt zur persönlich optimalen Portfolioaufstellung. Die Bilanzierung aller Verbindlichkeiten und Vermögenswerte schafft Ihnen zudem einen Überblick über die bereits eingekauften „Risiken“ oder auch Spielräume für weitere höhere Risiken.
  • Liquiditätsreserve: Eine höhere Liquiditätsreserve verschafft Ihnen den Freiraum unvorhergesehene Lebensumstände abzufedern und Ihr Investment unberührt zu lassen.
  • Haushaltsüberschuss: Ein höherer Haushaltsüberschuss (Einnahmen – Ausgaben) gibt Ihnen die Möglichkeit flexibel auf sich verändernde Lebensumstände zu reagieren. Hier kann eine Reduktion von monatlichen Investitionen (Sparrate) die veränderte Lebenssituation ausgleichen, ohne dann Investitionen angerührt werden müssen.
  • Versicherungen: Auch Versicherungen sind in die Haushaltsaufstellung einzubeziehen. Verträge und bestehende Anwartschaften zur Altersvorsorge wirken in der Regel positiv auf das tragbare Risiko, da es sich hier um meist sicherheitsorientierte Produkte handelt. Auch Krankentagegeldversicherungen oder Berufsunfähigkeitsversicherungen dienen zur Erhaltung des Lebensstandards auch im Ernstfall. Dies schafft mehr Platz für Investitionen und die Risikotragfähigkeit.
  • Familiäres Umfeld: In manchen Fällen ist die Familie derart situiert, dass gewisse Risiken des Lebens von Angehörigen abgefedert werden können. Auch hier spielt die Gesamtbetrachtung eine wichtige Rolle. Wohlhabenden Familien entsteht durch das Ersuchen von  gesamtkonzeptionellen Beratungsstelle, wie „Family Offices“ oft ein ganzheitliches Bild und Spielraum für zielgerichtete Investitionen.
  • Anlageziel: Das Ziel hinter einer Investition sollte definiert sein. Ziele unterscheiden sich oft in Ihrer Wahrscheinlichkeit des Eintritts, dem genauen Zeitpunkt sowie derer Art. Investitionsziele können sich ändern und auch diese potenzielle Änderung kann in die Planung mit aufgegriffen werden. Auch die Wahrscheinlichkeit des Eintritts beeinflusst die individuelle Risikotragfähigkeit. Anlageziele, wie bspw. das „Traumimmobilie in 10 Jahren“ unterliegen meist einer deutlichen Ungewissheit und bedingen die Anpassung des Risikos in die eine oder andere Richtung. Hierbei ist das Gespräch mit Anlageberatern meist richtungsweisend.
  • Anlagehorizont: Der Anlagehorizont hat den wohl größten Einfluss auf die Risikotragfähigkeit. Je weiter ein Anlageziel und die damit verbundene Notwendigkeit über das Vermögen zu verfügen in der Zukunft liegt, desto größer dürfen die zwischenzeitigen Schwankungen (Volatilität eines Investments) sein. Bereits ab einem Anlagehorizont von >10 Jahren können reine Aktienportfolios zum Einsatz kommen. Je näher Ihr Ziel ist, desto risikoverminderter sollten Sie Ihr Investment aufstellen.
  •  Anlegerpsychologie: Ihre bereits gesammelten Erfahrungen spielen ebenfalls eine deutliche Rolle. Sollten Sie in der Vergangenheit falsche Investitionsentscheidungen getroffen und größere Beträge verloren haben, kann Sie Ihre persönliche Risiko- und Verlustaversion auf einen unvorteilhaften Investitionspfad führen. Auch hier ist eine Expertenmeinung hilfreich.
  • Kenntnisse und Erfahrungen: Auch Ihre Kenntnisse über Zusammenhänge und Wirkmechanismen der Finanzwirtschaft sowie die Erfahrung mit verschiedenen Anlageklassen beeinflussen Ihre persönliche Risikoaffinität. Gute Finanzkenntnisse wirken nicht nur unterbewusst auf Ihre Psyche, sondern geben Ihnen in turbolenten Marktphasen Sicherheit und Durchhaltevermögen.

Fazit

Die richtige Einschätzung der eigenen Risikotragfähigkeit ist ein Balanceakt, der sowohl Wissen über die eigene finanzielle Situation und Erfahrung im Umgang mit Kapitalanlagen als auch ein tiefes Verständnis der eigenen psychologischen Neigungen erfordert. Anleger sollten regelmäßig ihre finanzielle Lage, ihre Anlageziele und ihre Risikotoleranz überprüfen und ihre Anlagestrategien entsprechend anpassen. Durch eine realistische Einschätzung der eigenen Risikobereitschaft und eine kontinuierliche Bildung in finanziellen Angelegenheiten können Anleger nicht nur potenzielle Fallen vermeiden, sondern auch ihre langfristigen Anlageziele sicherer erreichen.
Die eigene Risikotragfähigkeit realistisch zu bewerten ist ein Schlüsselelement für den Erfolg in der Welt der Finanzanlagen und ein wichtiger Schritt, um als Anleger langfristig sicher und erfolgreich zu agieren.

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